Familie & Bildung

Kepler-Schulleiter geht in den Ruhestand

Sich unter diesen Umständen aus dem Berufsleben zu verabschieden, fällt Paul-Georg Weiser alles andere als leicht. Aber so ist es: Am 29. Januar hat der Schulleiter nach zwölf Jahren am Kepler-Gymnasium seinen letzten Arbeitstag. Über diese Zeit, die Schulpolitik und die Coronakrise sprach Linda Braunschweig mit dem 66-jährigen Osnabrücker.

Von Linda Braunschweig
Ibbenbüren · Dienstag, 19.01.2021 - 18:00 Uhr

PGW 2021

2009 hat Paul-Georg Weiser das Amt des Schulleiters am Johannes-Kepler-Gymnasium von Berthold Mersch übernommen. Nun endet seine Zeit an der Schule, an der laut Weiser „flache Hierachien und ein emsiges Miteinander“ herrschen. Das sei für ihn stets ein Highlight gewesen.

 

Heinz Steingröver hat Ihnen bei Ihrer Amtseinführung eine glückliche Hand „in einer Zeit, in der Lehrer und Schulleitungen mehr leisten müssen als je zuvor“ gewünscht. Hatte er Recht?

Paul-Georg Weiser: Ja. Abgesehen davon, dass man G8 durchs Dorf gejagt hat, stimmt das und betrifft vor allem den Punkt der Heterogenität. Das hat am Gymnasium in einem Maße Einzug gehalten und die Systeme in Anspruch genommen, ohne dass das bei der Arbeitsbelastung der Lehrer berücksichtigt wurde.

Sie meinen, dass immer mehr Schüler mit unterschiedlichen Hintergründen Abitur machen wollen?

Weiser: Genau. Und die dafür nötige Differenzierung muss aus dem Stundentopf durchgeführt werden. Die Leistungsqualität wird hochgehalten, aber der Weg dorthin erfordert enorme Anstrengungen. Das Kepler hat sich dem immer in besonderem Maße und auch sehr erfolgreich gestellt. Da finde ich es schade, dass die Systeme nicht hinreichend finanziert werden.

G8 oder G9 – was ist aus Ihrer Sicht besser?

Weiser: Mit G8 kann man bestimmte Schülerkreise genauso gut zum Abitur bringen, wie mit G9. Aber mit der Öffnung für eine breite Schülerschaft liegt mit G9 ein gangbarer Weg vor. Wenn die begleitenden Systeme, wie Offener Ganztag, ausgeprägter wären, würde sich die Frage nach G8 oder G9 gar nicht stellen. Die Schüler werden von den Elternhäusern aus den unterschiedlichsten Gründen immer mehr auf sich gestellt oder allein gelassen und müssen somit von der Schule unterstützt und mit erzogen werden. Deswegen finde ich, dass es an der Zeit ist, auch am Gymnasium neue Wege zu beschreiten.

War G8/G9 der markanteste Punkt in der Schulentwicklung der vergangenen Jahre?

Weiser: Ja, alle anderen Punkte sind dem unterzuordnen. Der nächste Riesenberg ist die Digitalisierung. Der Weg ist begonnen, es wäre schön, zu wissen, wo man hinwill. Es wird eine große Aufgabe, eine neue Unterrichtskultur zu entwickeln, so unsere Absicht.

Die Digitalisierung an Schulen hinkt hinterher.

Weiser: Und das wird als normal hingenommen, dass Schule immer hinterherhinkt. Das kritisiere ich. Da verkennt man das Potenzial von Schule. Der Wille zur Weiterentwicklung ist da immer gegeben.

Meistens wird den Schulen Veränderung von außen aufgegeben, von der Politik. Sie haben in den vergangenen Jahren bei einigen Themen kein Blatt vor den Mund genommen und Ihre Kritik geäußert ...

Weiser: Das will ich nicht bestreiten. Diese Kritik war konstruktiv – darauf bestehe ich. Wenn das aber politisch so interpretiert wird, dass ein Schulleiter, der sich für seine Schule einsetzen muss, nicht ernst genommen wird – dann finde ich das nicht in Ordnung.

Kommen wir zu den positiven Dingen: Was waren Ihre Highlights am Kepler?

Weiser: Es ist immer ein Highlight, in so eine lebendige Schule hineinzugehen und so viele zufriedene, glückliche Menschen zu sehen, mit denen man jeden Tag überlegt, was man weiterentwickeln kann. Am Kepler herrschen eine ganz flache Hierarchie und ein emsiges Miteinander. Das ist für mich das Highlight der Schule. Wenn es um einzelne Events geht, dann gehört der Schulpreis dazu. Es hat mich aber enttäuscht, wie wenig dies außerhalb unserer Schulöffentlichkeit wert geschätzt wurde. Schließlich hat uns sogar der Bürgermeister zur Preisverleihung nach Berlin begleitet.

Inwiefern enttäuscht?

Weiser: Zum Beispiel bin ich immer wieder gefragt worden, warum das Abitur am Kepler leichter sei. Das ist so in den Köpfen. Wir machen doch ein Zentralabitur. Aber gut: Wenn Schüler uns attestieren, dass das Abitur hier leichter ist, dann bin ich total zufrieden. Denn das heißt, dass unsere Lernatmosphäre es ihnen erleichtert.

Kann es sein, dass diese Meinung auch daher kommt, dass das Kepler jedes Jahr viele Haupt- und Realschüler erfolgreich zum Abitur führt?

Weiser: Das zeigt ja, dass unser System funktioniert. Vielfalt! Die Schule spiegelt den gesellschaftlichen Querschnitt. Hier lernen Schüler aus 48 Nationen. Es gibt keine Probleme. Das macht mich sehr glücklich.

Welche Bilanz ziehen Sie aus Ihrer Zeit am Kepler?

Weiser: Ein Schulleiter sollte nicht auf eine persönliche Bilanz schauen, sondern auf die für die Schule. Ich gehe mit einem guten Gefühl, weil ich meine, dass die Schule gut aufgestellt ist.

Welche Erinnerungen nehmen Sie mit?

Weiser: Vor allem, dass ich dieses Gebäude immer gerne betreten und mich hier wohl gefühlt habe.

Das Kepler kooperiert mit Goethe und Gesamtschule, wenngleich da auch Konkurrenz besteht. Ist die Kooperation der Weg der Zukunft?

Weiser: Es ist unglücklich, dass die beiden Gymnasien mit dem Aufbau der Gesamtschule kleiner geworden sind. Wir müssen deshalb in der Oberstufe immer umfassender kooperieren, um die Fächervielfalt noch ausbringen zu können. Ein Alleingang eines Gymnasiums würde das Fächerangebot für die Ibbenbürener Schüler stark einschränken, was wir nicht wollen.

Sie gehen nach diesem schwierigen Corona-Jahr. Was war in dieser Zeit das größte Problem?

Weiser: Ich werde in zwei Wochen nicht mehr am Freitag um 22 Uhr meine Mails lesen müssen, weil irgendwas aus Düsseldorf reinkommt, das ich übers Wochenende umsetzen muss. Das beschreibt es, glaube ich, ganz gut.

Das Kepler-Gymnasium wird bald erweitert. Was wünschen Sie Ihrer Schule für die Zukunft?

Weiser: Einige, uns besonders wichtige Dinge wurden erreicht: ein Bau, keine zwei. Eine eigene Mensa. Ich möchte die Eigenständigkeit wahren. Ich wünsche mir einen offen diskutierten Weg hin zum Ganztag. Wir haben ein extrem leistungsfähiges Kollegium, dem ich zutraue, dass es einen tollen Ganztag entwickeln kann, um den Anforderungen der Zeit gerecht zu werden.

Und was machen Sie demnächst?

Weiser: Ich werde mich um meine Gesundheit kümmern und mich dem widmen, wofür ich all die Jahre zu wenig Zeit hatte. Kunst, Musik und Kultur stehen da ganz oben, ebenso wie meine Familie. Als absoluter Bergfan werde ich mich naturorientiert bewegen und dann ist da noch die Liebe zu Frankreich, wo ich seit mehr als 50 Jahren Freunde habe. Auch die Arbeit in einer politischen Organisation in Osnabrück ist geplant. Keine schlechte Perspektive.

IVZ vom 20.01.2021