Kepler-Projektkurs muss ungewöhnliche Wege gehen

Normalerweise wird vom Projektkurs am Johannes-Kepler-Gymnasium ein Konzert veranstaltet. Das wird dann auch benotet und fließt ins Abitur mit ein. Konzerte – na klar – funktionieren derzeit nicht. Also entsteht aus Gesängen und Instrumenten ein Video. Das ist alles ziemlich ungewohnt...

Von Linda Braunschweig
Ibbenbüren · Mittwoch, 24.03.2021 - 19:00 Uhr

musik projektkurs 2021

Uwe Berkemer reibt sich die kalten Finger. Im Pädagogischen Zentrum des Johannes-Kepler-Gymnasiums herrscht Durchzug. Alle Fenster sind offen. Die elf Q2-Schüler aus dem Projektkurs sind großzügig in dem hohen Raum verteilt. „Zwei Meter Abstand zur Seite und drei Meter nach vorne“, erläutert der Musiklehrer, der seinen Flügel ein paar Stufen höher platziert hat und sich gerade Handschuhe wünscht. Nur unter diesen ungemütlichen Bedingungen ist das möglich, was die angehenden Abiturienten gleich vorhaben und wofür sie eine Note bekommen: Singen, und zwar Oper.

Konzerte sind jetzt unmöglich

Eigentlich würden sie das jetzt vor großem Publikum machen. Ein Konzert zählte in anderen Jahren zur Benotung der Projektkurs-Teilnehmer dazu, die in die Abitur-Note mit einfließt. Aber ein Konzert in diesen Zeiten? Unmöglich. Deshalb haben Uwe Berkemer und seine Schüler einen anderen Weg gewählt. Sie werden singen. Aber nicht fürs Publikum, sondern für die Kamera. Genauer für zwei Kameras und eine Audio-Aufzeichnung. Und weil dabei so wenig Menschen wie möglich zusammenkommen sollen, sind die Schüler nun Sänger und Kameraleute in Personalunion. Drei Arien sind schon im Kasten, gleich sollen die Chorstücke folgen. Wo sollen die Kameras stehen? Sind die Mikrofone richtig platziert? Und vor allem: Passen alle Abstände? Immer mal wieder muss Uwe Berkemer daran erinnern, dass die Schüler am Platz ihre Maske abnehmen. Denn damit singen geht gar nicht.

Für die eingefleischten Sänger fing das Jahr 2020 überragend an: mit dem 1. Ibbenbürener Opern-Festival, bei dem sie auf der Bühne des Bürgerhauses standen. Doch dann war Schluss. Gesang galt von Beginn der Corona-Pandemie an als risikoreich. „Das war von 100 auf Null“, sagt Esther Frey (17), die seitdem ihre Arien häufiger im heimischen Badezimmer geschmettert hat. Vor allem das gemeinsame Singen, das am Kepler-Gymnasium ab der fünften Klasse jahrgangsübergreifend im Projektchor gefördert wird, hat sie vermisst.

Mit der Aufzeichnung das Beste draus machen

Als mit der Maskenpflicht im Unterricht nach den letzten Herbstferien Singen gar nicht mehr möglich war, sorgte sich Uwe Berkemer vor allem um die Solisten, die sonst unter anderem im Projektchor, aber auch im Pausen-Opern-Studio gefördert werden. Er versuchte es mit Individualstimmbildung online, „aber das ist mit Live-Gesang nicht zu vergleichen“. Froh waren er und seine Schüler deshalb, dass die Umstände es vor wenigen Wochen ermöglichten, im PZ zu singen. Allerdings nicht jahrgangsübergreifend. Und so ist es ein recht kleiner Chor, der an diesem Abend vor der Kamera steht. Gesungen wird neben drei Arien die Eröffnungsszene aus Lortzings Oper „Der Wildschütz“ und das Stück „Prinz Ali“ aus dem Musical Aladdin. „Eigentlich hätte das Konzert unter dem Motto ,Opera meets Disney‘ gestanden“, sagt Berkemer nicht ohne Bedauern. Auch Nicolas Zarske (18) hätte „um Welten“ lieber mit seinen Mitschülern auf der Bühne gestanden. Aber mit der Aufzeichnung mache man eben das beste draus. Auch ihm hat der Gesangsunterricht in der Schule gefehlt, die Qualität seiner Stimme habe gelitten. Etwas seltsam sei es zudem gewesen, zu Hause vor dem PC in eine Webcam zu singen.

„Eigentlich steht man extra dicht beieinander“

Mit seinen Schülern hat Uwe Berkemer die Stücke größtenteils online geübt. Er sandte ihnen langsam gespielte Begleitung auf dem Flügel und sie den Gesangspart zurück, alles recht mühselig. Dennoch hätten die Schüler daraus eine „Wahnsinnsleistung“ gemacht, als sie die Stücke im Februar zum ersten Mal gemeinsam live singen konnten. Nicht ganz einfach ist es übrigens, im Chor mit so viel Abstand zu singen. „Eigentlich steht man da ja extra dicht beieinander, um sich gut hören zu können“, erklärt Berkemer.

Aber auch so erschallt der Chor-Gesang kräftig durchs PZ. Wer jetzt zufällig draußen vorübergeht, hat „Prinz Ali“ in der Kepler-Version jedenfalls im Ohr. Vier Versuche braucht es, bis auch die Solo-Parts richtig im Kasten sind. Fertig. Uwe Berkemer wird die von Nicolas geschnittene Aufzeichnung anschauen, den Gesang und Einsatz zusammen mit der schriftlichen Abfassung der Schüler bewerten. Von ihm bekommen die angehenden Abiturienten schon jetzt ein dickes Lob und gute Wünsche für die weiteren Prüfungen. Applaudieren müssen sie sich am Ende aber selbst. Sonst ist ja niemand da.

IVZ vom 24.03.2021