Lessings Ringparabel in neuer Interpretation

Nathan der Weise Theaterstück Dez 2021 HP

Eine Lichterkette, ein überdimensionales Schachbrett und ein Koffer im Zentrum bilden das reduzierte Bühnenbild bei der Inszenierung des Theaters „Essen Süd“, das am Mittwoch, dem 8. Dezember, im pädagogischen Zentrum des Johannes-Kepler-Gymnasiums gastierte. In je einer Vorstellung pro Jahrgangsstufe überzeugten Raphael Batzik, Aless Wiesemann und Thilo Matschke die Schüler:innen der Q1 und Q2 mit ihrer Darstellung des „Nathans“.

Schlichte Kaftane in Weiß und Schwarz ermöglichen einen schnellen Rollenwechsel zwischen Derwisch, Sultan und Tempelherr oder Sittah und Recha. Nach einer überschwänglichen Begrüßung des vorerst unsichtbaren Nathans und der Reflexion über die Rettung Rechas aus dem Feuer erscheint ein eher unscheinbarer, eher eindimensionaler Nathan aus dem Koffer, der sich fragen lassen muss: „Weise?“ Aber immerhin ist er alt, dann muss er es ja sein.

Die zentrale Rolle des Koffers wird deutlich im kindlichen Spiel zwischen Recha und Nathan als Zeichen der Erinnerung an ihre Ankunft als Adoptivtochter; oder als Haus und Heim, in das sich Nathan zurückziehen kann oder in dem die Begegnung zwischen Recha und dem Tempelherrn geschieht. Als Sitzkiste und Zentrum des Landes, in dem Nathan lebt, bietet er immer wieder Begegnungsraum. Dieser kann aber nur erreicht werden, wenn die Grenze der Lichterkette überschritten wird, was erst eine einladende oder bittende ritualisierte Geste ermöglicht.

Wiesemann spielt die starken Frauenrollen mit Leichtigkeit, Witz, Ernsthaftigkeit und Kraft, wenn sie in der monologischen Patriarchen-Szene als Frau nach der Rechtmäßigkeit der religiösen Erziehung fragt und schließlich lautstark fordert: „Tut nichts – der Jude wird verbrannt“. Als Derwisch fragend, fast arrogant, als Sultan gebieterisch und als Tempelherr zerrissen zeigt Batzik mit großer körperlicher Präsenz verschiedenste Facetten der Männerrollen. Im Wechsel übernehmen beide auch Textpassagen Nathans, zum Teil auch im Chor, was den Zuschauern das Verfolgen der Rollenwechsel manchmal erschwert und zu Irritationen führt.

Eben die gleiche Wirkung hat das stetige Schweigen Matschkes als Nathan. Er allein wechselt seine Rolle nicht und bleibt stets im grünlichen Kaftan, der an ein Krankenhausnachthemd erinnert und ihm mit clowneskem Spiel einen Anschein von Naivität gibt. Erst als der Sultan ihn mehrfach zur Antwort nötigt, lässt er sich dazu herab, die Ringparabel zu erzählen. Die Stille im ersten Teil der Inszenierung fokussiert die Zuschauer auf die Relevanz der Ringparabel als Herzstück des Dramas. Man müsse sich als „alter Mann“ nicht mehr an allen Diskussionen beteiligen und könne sich auf das wirklich Wichtige beschränken, so Nathan. Auf die Nachfrage der Figuren „Was nun?“, schickt er diese weg und entlässt auch das Publikum in ein offenes Ende, eher mit einem Auftrag als mit der Lehre der Humanität. So ergibt die Dramaturgie Batziks im Unterschied zu Lessings „allseitiger Umarmung“ am Ende seines dramatischen Gedichts besonders in der heutigen Zeit mehr Sinn und weist über die Problematik der Religionsdiskussion hinaus.

„Ohne Textkenntnis wäre das Verständnis der Inszenierung schwierig gewesen“, ist sich Dagmar Meyring, die für die Organisation des Theaterstücks verantwortliche Deutschlehrerin, sicher, „Aber durch diese neue Interpretation des gut 200 Jahre alten Stoffes erschließen sich den Zuschauern sicher neue Ansätze, die sich auch für die Vorbereitung auf das Abitur sehr gut eignen.“